Raucher-WM
Veröffentlicht von Udo Hattwig   
Freitag, 24 Februar 2006
ImageSZ meldet: Es war ein feierlicher Moment des Sports: Am 28.Mai 2002 verkündeten Joseph Blatter, der Präsident des Weltfußballverbandes, und Gro Harlem Brundtland, die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation, auf dem 53. Fifa-Kongress in Seoul den Beginn einer Ära. In einem gemeinsamen Memorandum hatten die beiden Organisationen die bevorstehende Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea zur ersten rauchfreien WM seit Bestehen des Turniers deklariert.

In Zukunft solle der Grundsatz gelten, so Blatter und Brundtland, „dass Tabak und Sport nichts miteinander zu tun haben und Tabak in jeder Form von allen Fußballveranstaltungen der Fifa ferngehalten werden muss“.

„Wolkenloser Spaß“

Vier Jahre später mag sich niemand mehr an diese Vereinbarung erinnern. Während bei der WM 2002 das Rauchen im gesamten Innenraum der Stadien verboten war, soll es 2006 nur auf den Pressetribünen ein eingeschränktes Rauchverbot geben. Ansonsten ist das Qualmen auf allen Sitzen erlaubt. Das gilt auch für die 2500 Nichtraucherplätze im Familienblock des Berliner Olympiastadions, in dem insgesamt sechs WM-Spiele – darunter das Finale – stattfinden. Laut Pressesprecher Gerd Graus will das Organisationskomitee (OK) den Nichtraucherschutz durch freiwillige Regelungen gewährleisten.

Schon beim Confederations Cup 2005 wurden die Tabakkonsumenten per Anzeigentafel dazu aufgefordert, Rücksicht gegenüber Nichtrauchern zu üben und freiwillig auf das Nikotin zu verzichten. Eine ähnliche Aktion (Arbeitstitel: „wolkenloser Spaß“) ist für die kommende WM geplant. Offenbar gehen die Organisatoren davon aus, dass sich ein Kettenraucher durch Hinweisschilder und Lautsprecherdurchsagen von seiner Sucht abbringen lässt.

Ein Rauchverbot hätte den Vorteil, dass die Feuergefahr in den Stadien verringert wird. Schließlich soll der Brandschutz, wie OK-Vizepräsident Horst R. Schmidt nach der Kritik der Stiftung Warentest an den Sicherheitsvorkehrungen betonte, bei der WM 2006 „an vorderster Stelle“ stehen. Laut Hausordnung der Fifa dürfen deshalb „Gefäße mit leicht entzündbaren Substanzen“ nicht mit auf das Stadiongelände genommen werden. Es gibt nur eine Ausnahme von dieser Regel: Besitzer „handelsüblicher Taschenfeuerzeuge“ kommen problemlos durch die Einlasskontrollen. Gründe, die Ausnahmegenehmigung für Feuerzeuge zu widerrufen, gibt es genug: Im Vorjahr hat das DFB-Sportgericht serienweise Bußgelder gegen Vereine verhängt, nachdem Schiedsrichter, Trainer oder Spieler mit Zündgeräten und anderen Wurfgeschossen attackiert worden waren.

Die Welt zu Gast bei Irren?

Als am 15. Spieltag der Bundesliga der Nürnberger Stürmer Stefan Kießling nach einem Ellenbogen-Check bewusstlos am Boden lag, bewarfen ihn Gladbacher Fans mit Feuerzeugen. In Anspielung auf das Motto der kommenden Weltmeisterschaft fragten damals besorgte Kommentatoren: Die Welt zu Gast bei Irren?

Bei der bevorstehenden WM werden die Teilnehmer am Feuerzeug-Weitwurf die Gelegenheit haben, sich an Ort und Stelle mit neuer Munition zu versorgen. Denn an den Ständen des Commercial Display vor und innerhalb der Stadien sollen die Raucherbedarfsartikel von Curly&Smooth käuflich zu erwerben sein. Die in Germering bei München ansässige Handelsfirma hat mit der Fifa einen Lizenzvertrag abgeschlossen.

Zu ihrem Sortiment gehören Feuerzeuge, die mit niedlichen Häschen oder lustigen Comic-Figuren dekoriert sind und dadurch vor allem die minderjährigen Kunden der Tabakindustrie ansprechen. 60 Stück für El Fluppe Derzeit sind jedoch die Produktserien mit dem WM-Logo der Schlager. Curly & Smooth verdankt diesen Erfolg nicht zuletzt dem Einsatz des offiziellen WM-Maskottchens. Als die Firma Ende September letzten Jahres ihre Produkte auf Deutschlands größter Fachmesse für Tabakwaren vorstellte, wurden die Besucher von Goleo, dem Fifa-Löwen auf zwei Beinen, bei Laune gehalten.

Für die Deutsche Tabak-Zeitung, das Zentralorgan der Zigarettenindustrie, gehörten die Auftritte des „knuffigen Kumpans“ zu den Highlights der Werbemesse. Es gibt weitere Anzeichen dafür, dass die WM zur Raucher-WM werden soll. So haben die Organisatoren bis heute eine Entscheidung des Exekutiv-Komitees der Uefa nicht übernommen, die das Rauchen in der Coaching-Zone verbietet.

Darüber dürfte sich vor allem Ricardo La Volpe freuen. Der mexikanische Coach bringt es eigenen Angaben zufolge auf täglich 60 Zigaretten. Während des Confed-Cups 2005 berichtete Bild wochenlang über die Rauchgewohnheiten von „El Fluppe“ („Lieblingsschachtel Marlboro Lights“). Nach aktuellem Stand wird La Volpe spätestens mit dem Anpfiff des Vorrundenspiels Mexiko – Iran am 11. Juni wieder als Marlboro-Mann in den Schlagzeilen stehen. Neben El Fluppe gibt es unter den WM-Akteuren noch eine andere „Kultfigur“ (Bild), die ihren Tabakkonsum in der Öffentlichkeit zelebriert.

Als Franz Beckenbauer bei der Eröffnung des ersten Fifa-WM-Shops in Berlin danach gefragt wurde, wie er sich fit hält, antwortete der Präsident des Organisationskomitees: „Indem ich regelmäßig meine Zigarre rauche.“ Über diesen Scherz wird sich vor allem sein Golfpartner Norbert Rossel gefreut haben. Rossel ist Davidoff-Ambassadeur und Mit-Erfinder der „FC Bayern Cigarre“, die der Münchner Klub seinen Ehrengästen kredenzt. Auch Beckenbauer raucht dem Vernehmen nach mit Vorliebe Davidoff.

Dass er dadurch ein schlechtes Vorbild abgibt, scheint der Präsident des FC Bayern zu ahnen. Anlässlich des Weltkrebstages am letzten Samstag gab Beckenbauer ein Statement zur Krebsbekämpfung ab: „Ich als Vater halte es für sehr wichtig, dass Eltern in der ganzen Welt die Früherkennungszeichen von Krebs bei Kindern kennen.“ Da hat er vollkommen recht: Wenn man als Vater schon raucht, dann sollte man auch wissen, warum die Kinder zu husten anfangen.

(Quelle: SZ vom 8.2.2006)  Süddeutsche Zeitung

 

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 24 Februar 2006 )