Messergebnis
veröffentlicht:
Dicke Luft auf der Wiesn - Hohe Feinstaubbelastung in
Zelten
Wiesn-Bedienungen mit
Gasmaske - Hohe Rauchbelastung in den Festzelten -
Nichtraucherverband für Konsequenzen - Wirte dagegen
--Von
ddp-Korrespondent Arno Siegemund--
München (ddp-bay). In den Wiesn-Zelten auf dem Münchner
Oktoberfest herrscht dicke Luft. Zu diesem Ergebnis kommt eine
Partikel-Messung der Münchner Nichtraucher-Initiative(NIM).
Demnach wurden in mehreren Wiesn-Zelten die EU-Grenzwerte zur
Feinstaubbelastung zum Teil um das Sechsfache über-
schritten. Der Chef des Münchner Verbandes und Vizepräsident
der Nichtraucherinitiative Deutschland, Ernst-Günther Krause,
spricht von "erschreckenden Ergebnissen". Das
Partikelmessgerät zeigte mehrfach Werte von bis zu 300
Mikrogramm pro Kubikmeter an - der Grenzwert liegt bei 50
Mikrogramm.
Vorgenommen hat die Messungen Professor
Dr. Friedrich Wiebel vom bundesweiten ärztlichen Arbeits-
kreis "Rauchen und Gesundheit". Er sieht erhebliche
Gefahren für die Besucher und vor allem für die Be-
dienungen, die acht und mehr Stunden durch die verrauchte Luft
laufen müssen. "Die Wiesn-Kellnerin ist um ein
vielfaches stärker belastet als der Polizist an der
vielbefahrenen Landshuter Allee", klagt Wiebel.
Der Toxikologe erklärt dies auch mit
der Größe der Partikel. Im Tabakqualm sind seinen Angaben
zufolge die Teilchen kleiner und können sich so viel leichter
in den Atemwegen und der Lunge ablagern. Auch die große Höhe
des Festzelts bringe da keine Erleichterung, sagt Wiebel. Die
Rauchbelastung sei genauso wie in den Kneipen. Etwa 40 giftige
Subtanzen wie Benzpyren oder Blausäure sind im Qualm
enthalten.
Der Professor verweist in diesem
Zusammenhang auch auf eine US-Studie, wonach im Gastronomie-
gewerbe die Gefahr an Krebs zu erkranken etwa doppelt so hoch
ist, wie bei anderen Arbeitnehmern. Der Mediziner betont:
"Auch ein Mundschutz würde keinen Sinn machen, da müssten
die Kellnerinnen schon mit der Gasmaske herumlaufen, um den
Tabakrauch fernzuhalten." Für ihn ist der Qualm das
reinste "Kampfgas". Passivrauchen sei lebensgefährlich.
Deshalb fordert die
Nichtraucherinitiative für das nächste Jahr ein rauchfreies
Wiesn-Zelt. Verbandschef Krause: "Das könnte die neue
Attraktion auf dem Oktoberfest werden - ein Exempel auch für
anderen große Volksfeste", gibt er sich optimistisch.
Hier müssten sich die Stadt und die Betreiber zusammen-
setzen und eine Lösung finden. Was in Italien, Irland und
Norwegen gehe, müsste auch in Deutschland funktionieren, ist
sich Krause sicher.
Doch da hat er die Rechnung ohne die
Wiesn-Wirte gemacht. Hier herrscht große Skepsis.
Wirte-Sprecher Toni Roiderer hat wenig Verständnis für die
Forderung und sieht die bayerische Gemütlichkeit in Gefahr.
"Wen der Rauch stört, der kann sich ja draußen
hinsetzen."
Roiderer sieht die Gesundheit der
Besucher und Bedienungen "für die 16 Tage im Jahr"
nicht beein- trächtigt. Der Chef des Hacker-Zelts verweist
dabei auf die modernen Abluftanlagen. Er selber ist stolzer
Besitzer eines "Cabriodachs", mit dem Roiderer für
optimale Entlüftung sorgt. "Ich gehe davon aus, dass mir
das schon im nächsten Jahr einige Kollegen nachmachen
werden", erklärt der Wirte-Sprecher.
Auch rauchfreie Boxen in den Zelten
machen nach Roiderers Ansicht keinen Sinn, da sich der Qualm
auch dorthin ausbreitet. Die Chancen für ein Nichtraucherzelt
sieht Roiderer eher gering. Hier sei "die Stadt am
Zug" - die müsse ein weiteres Zelt genehmigen.
Die gesundheitliche Belastung durch den
Rauch kann auch Kellnerin Vroni Egger bestätigen. Die Süd-
tirolerin ist vom Tabakqualm genervt. "Wenn es richtig
voll ist, dann ist es schon schlimm - das geht dann richtig
auf die Bronchien". Ein rauchfreies Wiesn-Zelt wäre für
sie eine "gute Alternative".
Bei den Besuchern gehen die Meinungen
auseinander. Die Befürworter eines Nichtraucherzelts beklagen
neben der gesundheitlichen Gefahr auch den Gestank und Brandlöcher
in den Klamotten. Die meisten halten ein Rauchverbot oder ein
Nichtraucherzelt für nicht durchführbar. "Da könnte
man gleich über ein Bierverbot nachdenken", gibt ein
genervter Zigarrenraucher zu Bedenken.
Nach einer repräsentativen Umfrage des
Peinelt-Instituts im Auftrag der Münchner
Nichtraucherinitiative begrüßt eine Mehrheit der Befragten
ein rauchfreies Wiesn-Zelt. 42,3 Prozent würden ein neues
Wiesn-Zelt für Nichtraucher
besuchen. 34,8 Prozent lehnen diesen Vorstoß allerdings ab.
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